Je älter wir werden, desto mehr haben wir erlebt und durchlebt und desto mehr Erfahrungen haben wir gemacht.
Und mit jeder Situation, an die wir uns erinnern, verbinden wir Gedanken und Gefühle.
Wenn wir an einen schönen Urlaub zurückdenken, kommen vermutlich angenehme Gefühle in uns auf. Wir freuen uns oder sind glücklich.
Nun hat jeder Mensch auch nicht schöne Erlebnisse abgespeichert und schmerzhafte Erfahrungen gemacht.
Denken wir daran zurück, fühlen wir z. B. Trauer, Angst oder Wut oder gar Hass.
Nicht jeder Erinnerung lässt sich eindeutig abspeichern.
Manchmal haben wir auch gemischte Gefühle, wenn wir uns an eine Situation oder Erfahrung in der Vergangenheit erinnern.
Definition: Fusion
Fusion bedeutet bekanntermaßen Verschmelzung oder Zusammenschluss. Bei der Fusion werden mindestens zwei Teile zu einer Einheit.
In unserem Fall verschmelze ich als Person mit meinem Gedanken bzw. meiner Emotion.
Zitat:
Im Zustand der Fusion verschmelzen wir mit unseren Gedanken, Gefühlen, Empfindungen und Erinnerungen. Dadurch werden wir unflexibel.
Wir leben in einer Welt, die von Sprache geprägt ist.
Wir erschließen uns die Welt, indem wir sie beobachten und beschreiben, beurteilen und einteilen.
Wir ziehen Schlüsse, vergleichen, interpretieren und kommen zu Ergebnissen.
Um unsere Ergebnisse zu präsentieren, verwenden wir Sprache.
Wenn wir diese Fähigkeiten einmal haben, verwenden wir sie nicht mehr bewusst, sondern automatisch – man könnte auch sagen: unwillkürlich.
Und da wir spätestens seit Kant gelernt haben, dass wir uns unseres Verstandes bedienen sollen, machen wir davon rege Gebrauch.
Jedenfalls die meisten von uns.
Und daran ist nichts falsch, solange wir uns nicht mit unseren Gedanken, die häufig nur Erinnerungen sind, verwechseln und solange wir nicht unsere Gedanken über die Welt mit der Welt fusionieren.
Warum ist das ungünstig?
Ich sag mal so: Was vier Beine hat, zwei Ohren und ein Fell, kann ein Hund sein. Oder eine Katze, eine Kuh, ein Pferd usw.
Es kann passieren, dass wir eine Situation im Außen erleben und unser Verstand denkt, dass er sie kennt, weil wir schon einmal in so einer Situation waren. Dann hat der Verstand eine Meinung, eine Interpretation oder eine Handlungsanweisung für diese Situation.
Aber, wie ich im Falle der Tiere ausgeführt habe, sehen manche Dinge ähnlich aus, sind es aber nicht. Es hängt von den Kriterien ab, die ich zur Bewertung heranziehe.
Beispiel:
Nehmen wir an, ich gehe mit meiner jungen, blonden Kollegin den Flur des Büros entlang.
Wir treffen auf einen anderen Kollegen, den meine Kollegin kennt, ich aber nicht.
Der Kollege begrüßt meine Kollegin herzlich, meinen Gruß erwidert er nicht.
Diese Situation speichere ich unbewusst ab.
Und je nachdem, welche Erfahrungen ich gemacht habe und welche Glaubenssätze ich möglicherweise damit verbinde, speichere ich auch gleich eine Interpretation und meine dazugehörigen Gefühle mit ab.
Zum Beispiel diese:
Als Frau mittleren Alters bin ich unsichtbar.
Ich denke noch, dass es vielleicht aus Versehen war oder die Situation unübersichtlich. Aber so ein leichtes Unbehagen speichere ich doch mit ab.
Ein paar Tage später begegne ich dem Kollegen erneut auf dem Gang.
Dieses Mal bin ich allein.
Ich grüße ihn, er grüßt mich nicht zurück.
Was denke ich?
Variante A: Habe ich es doch gewusst, als Frau um die 50 bin ich für andere unsichtbar. Frauen werden nur beachtet, wenn sie jung sind.
Variante B: Vielleicht war er gerade in Gedanken und hat mich nicht erkannt. Beim nächsten Mal spreche ich ihn mit Namen an und schaue, wie er dann reagiert.
Wenn ich in meinen Glaubenssätzen verhakt bin, denke ich A.
Das ist ganz natürlich, zeigt aber, dass wir unsere Gedanken über die Welt mit der Welt, wie wir sie im Augenblick vorfinden verschmelzen lassen.
Zudem schließen wir möglicherweise von uns auf andere.
Wir würden jemanden nur dann nicht grüßen, wenn wir etwas gegen ihn oder sie haben.
Und dann fantasieren wir uns in die Gründe für das Verhalten hinein, die uns am meisten verletzen.
Wir wissen aber nicht, welche Motive der Kollege tatsächlich hat.
Habe ich bislang keine Erfahrungswerte oder positive, interpretiere ich die Situation vielleicht anders.
Es könnte nämlich auch sein, dass der Kollege grundsätzlich nur Menschen grüßt, die er gut kennt oder einfach in Gedanken war und mich nicht wahrgenommen hat.
Wie auch immer, das sind alles Spekulationen.
Sie führen am Ende zu nichts.
Außer, dass wir verletzt oder beleidigt sind und uns schlecht fühlen.
Damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt:
Das Ereignis und die Gedanken über das Ereignis sind nicht dasselbe.
Wir verwechseln den Gedanken in einer Situation aber oft mit der Realität an sich.
Gedanken sind keine Fakten, keine Wahrheiten.
Wir müssen sie zunächst auf den Wahrheitsgehalt überprüfen.
Aber das tun wir nicht.
Wir halten sie für wahr, weil sie aus unserem Inneren in unser Bewusstsein treten.
Da wir aber dazu neigen, zu jedem Ereignis eine Bewertung zu haben, greifen wir auf das zurück, was wir bereits gespeichert haben.
Wir sind zwar überzeugt davon, dass wir die Situation neu bewerten, holen aber tatsächlich nur alte Überzeugungen aus der Schublade.
Das geht zwar schneller und spart Energie, ist aber auch ziemlich ungenau.
Und so fantasieren wir uns munter in den Schmerz über die Welt hinein.
Ist Fusion grundsätzlich schlecht?
Keineswegs.
Wenn wir Fan einer Fußballmannschaft sind und bei jedem Spiel mitfiebern und emotional werden, wenn die „falsche“ Mannschaft gewinnt, ist das auch eine Fusion.
Aber solange wir dann nur eine kurze Zeit enttäuscht sind und dann mit unserem Leben weitermachen, ist alles gut.
Wenn wir aber tagelang nicht arbeiten können, weil unsere Mannschaft das entscheidende Spiel verloren hat, dann haben wir ein Problem.
Defusion
Defusion bedeutet, nicht sofort alles zu glauben, was der Verstand anbietet und sich nicht in einem Gedanken zu verhaken und sofort bestimmte Handlungen daraus abzuleiten.
Denn das, was wir denken, muss nicht stimmen.
Defusion lädt dazu ein, das, was wir denken, mit einem gewissen Abstand zu betrachten und den Autopiloten auszuschalten und nicht reflexartig zu reagieren oder zu empfinden.
Wir versuchen damit, den Gedanken von der Situation und der Handlung zu entkoppeln. Und letztlich auch uns als Person von den Überzeugungen, die wir haben.
Und warum wollen wir das?
Weil wir neue Lösungen brauchen, um im Leben voranzukommen, unserem Ziel näher zu kommen, zu uns selbst zu kommen.
Wer immer nur auf das zurückgreift, was er schon kennt, bekommt auch immer nur das, was er schon hat.
Wenn wir leidvolle Gedanken denken, bekommen wir eben auch nur leidvolle Gedanken und Gefühle.
Und zwar völlig unabhängig davon, ob sie richtig sind oder falsch.
Wie können wir die Verhakung lösen?
Manchmal reicht es schon aus, einen Satz neu zu formulieren.
Beispiel:
Ich bin nicht gut genug.
Wir alle denken diesen Satz. Der Satz macht uns klein, traurig und hoffnungslos.
So ein Satz hat eine starke emotionale Ladung.
Aber ist er wahr?
Wie oft waren wir schon gut genug? Wie viel ist uns schon gelungen? Im Allgemeinen eine ganze Menge.
Wie wäre es, den Satz einfach umzuformulieren?
Ich habe den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin.
Wie fühlt dieser Satz sich an?
Vermutlich schon nicht mehr ganz so negativ. Vielleicht etwas neutraler.
Nun bin ich nicht mehr mein Gedanke, sondern ich habe ihn. Und das ist ein gewaltiger Unterschied, denn alles, was ich habe, kann ich weggeben, wegwerfen, vergessen usw.
Ich kann sogar noch weiter gehen.
Wie wäre es mit dem folgenden Satz:
Ich nehme wahr, dass ich den Gedanken haben, dass ich nicht gut genug bin.
Nun habe ich mich auch noch vom Gedanken entkoppelt.
Der Satz hat vermutlich noch weniger emotionale Ladung.
Dadurch kann ich viel besser darüber nachdenken, ob das überhaupt stimmt.
In der Regel ist der Gedanke ja falsch.
Fazit
Wir sind nicht unsere Gedanken, wir haben Gedanken.
Wir sind nicht unsere Gefühle, wir haben Gefühle.
Nicht jeder Gedanke, den wir in einer Situation denken, ist auch richtig. Nicht jedes Gefühl, das wir fühlen, passt zu Situation.
Wenn wir glauben, dass wir sind, was wir denken, fühlen und erleben, haben wir uns verhakt.
Das macht uns unfrei und starr.
Frei und flexibel sind wir dann, wenn wir aufhören, uns mit unseren Gedanken und Gefühlen zu verwechseln und sie mit Abstand betrachten. Wenn sie uns nicht dienlich sind, können wir sie einfach fallenlassen.
Und neu denken.
Mehr über meine Arbeit gibt es hier: