Psychisch flexibel bleiben – Teil IV: Akzeptanz unter der Lupe

Gott gebe mir die Gelassenheit, 

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, 

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann 

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Das berühmte Gebet zur Gelassenheit ist beinahe jedem bekannt.

Über die Voraussetzungen, die wir benötigen, um Dinge zu ändern, haben wir uns im Artikel zur Defusion gekümmert.

Wir haben gesehen, dass ein wichtiger Schritt, um Probleme zu lösen, darin besteht, nicht an den Glaubenssätzen über eine Situation hängenzubleiben.

Denn das, was wir denken, stimmt nicht immer, sondern ist häufig unsere Interpretation.

Diese wird dann auch noch mit einer Emotion zusammen geliefert wird, die uns nicht hilft.

Wenn wir einen Schritt zur Seite treten und unsere Probleme und Emotionen von einer anderen Perspektive aus betrachten, sind wir handlungsfähig.

Nun kommen wir zu dem Part Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

Dabei spielt es keine Rolle, ob wir gläubig sind oder nicht.

Die Frage ist eher, woran wir uns abarbeiten wollen.

Es gibt nämlich abgesehen von den Problemen, die wir selbst lösen können, auch Situationen im Leben, die wir nicht ändern können oder nicht sofort. 

In diesen Fällen hilft nur eines: Akzeptanz.

Achtung: Akzeptieren heißt nicht gut finden!

Etwas zu akzeptieren bedeutet, den gegenwärtigen Moment anzunehmen als Realität.

Um psychisch gesund zu bleiben, wollen wir die Realität zunächst einmal annehmen. Auch den Schmerz, der manchmal dazu gehört.

In diesem Zusammenhang heißt Akzeptanz, dass wir die Realität nicht bewerten, sondern offen bleiben für das, was ist und mit dem, was ist in Kontakt treten.

Es ist ja sowieso schon da.

Natürlich könnten wir sagen „Ich will aber nicht, dass das da ist!“

Ok, ist eine legitime Haltung.

Sie hilft uns allerdings nicht.

Wenn wir uns der Realität verweigern, ist sie dennoch da. 

Wenn wir uns mit der Realität anlegen, gewinnt immer die Realität.

Die meisten von uns spüren bei dem Ausdruck akzeptieren vielleicht einen Druck oder einen Widerstand.

Das liegt möglicherweise daran, dass wir an Sätze denken wie „Nun akzeptiere das halt!“ oder „Das akzeptiere ich nicht!“.

Sie haben eine negative Konnotation.

Im Sinne der psychischen Flexibilität heißt, etwas zu akzeptieren lediglich, eine Erfahrung, eine Situation, ein Ereignis zu nehmen, wie sie bzw. es ist.

Und zwar ohne Bewertung.

Es bedeutet, offen zu bleiben und damit handlungsfähig.

Denn, etwas nicht zu akzeptieren, bedeutet, Enge und Enge schränkt den eigenen Spielraum immer ein.

Akzeptanz heißt nicht, dass wir alles tolerieren müssen. Wir wollen nur den Status Quo zunächst als gegeben hinnehmen, anstatt ihn weghaben zu wollen.

Akzeptanz heißt auch nicht, dass wir aufgeben. Wir können nicht das ändern, was uns gerade im Moment geschieht, aber wir können für die Zukunft Vorkehrungen treffen, Entscheidungen treffen, neue Wege gehen.

Akzeptanz ist ein Prozess, den wir immer wieder üben dürfen. 

Es empfiehlt sich, zu üben, wenn wir gerade nicht unter Druck sind.

In einer Situation, in der das Nervensystem ruhig ist oder vielleicht nur einen leichten Stress verspürt, der gut zu bewältigen ist, kann man sich in Akzeptanz des gegenwärtigen Momentes üben.

Atmen, spüren, den gegenwärtigen Moment annehmen, loslassen.

Das Loslassen gelingt uns häufig nicht so leicht. 

Dafür gibt es eine Metapher, die hilfreich ist:

das Seil loslassen.

Stellen wir uns vor, wir halten das eine Ende eines Seiles in der Hand.

An dem anderen Ende sind unsere Sorgen, Nöte, Ängste – der ganze Kram, der uns bedrückt und zurückhält.

Sie ziehen an ihrem Ende und um nicht mitgezogen zu werden, müssen wir auf unserer Seite immer stärker ziehen. 

Dann kommen neue Sorgen dazu, die auch noch ziehen.

Nun müssen wir noch viel mehr Kraft aufwenden, um an dem Seil zu ziehen.

Anstatt stärker zu ziehen, was uns erschöpft und auslaugt, könnten wir einfach das Seil loslassen.

Einfach?

Nun, manchmal benötigen wir etwas Zeit, um uns in einer neuen Verhaltensweise zurechtzufinden.

Das ist ganz verständlich.

Manchmal haben wir schon so lange immer wieder gegen unsere Probleme, Ängste und Sorgen gezogen, dass es uns gewohnt erscheint.

Wir sind unflexibel und können diese Gewohnheit nicht so leicht ändern, wie wir es uns vielleicht wünschen.

In einem ersten Schritt können wir uns bewusst machen, dass diese Möglichkeit, das Seil loszulassen – und damit die Ängste, Sorgen, Gedanken – existiert.

Und nach und nach stellen wir uns ganz konkret vor, wie wir das machen.

Beispiel:

Die Angst vor dem Versagen bei der nächsten Prüfung zieht am anderen Ende des Seiles. 

Ich spüre die Anstrengung in meinen Armen, wenn ich dagegenhalte. Die Mühe, die es mich kostet, die Hände zu Fäusten zusammenzuballen, um mein Ende des Seiles halten zu können. Die Hände schmerzen.

Und nun stelle ich mir vor, wie ich meine Fäuste löse und das Seil fallenlasse auf den Boden. 

Wie fühlen sich nun meine Arme an? 

Ich spüre, wie die Anspannung weniger wird.

Ich atme tief ein und aus.

Ich nehme wahr, wie ich mich leichter fühle, im gegenwärtigen Moment.

Aber wie schaffen wir es, im gegenwärtigen Moment zu sein oder zu bleiben, ohne ständig in die Vergangenheit zu blicken – die wir gerne anders gehabt hätten – oder in die Zukunft, die uns Sorgen macht?

Darum geht es im Teil „Gegenwärtigkeit“ der Reihe zur psychischen Flexibilität.