
Auf unserer Reise zu mehr psychischer Flexibilität gibt es sechs therapeutische Ansatzpunkte, die wir zunächst im Überblick betrachten und dann fortlaufend einzeln unter die Lupe nehmen werden.
Akzeptanz
Es fängt schon mal schwierig an: Akzeptanz.
Wenn wir ein Problem haben oder Sorgen, Ängste, Nöte, wollen wir das zumeist nicht als erstes akzeptieren.
Denn warum sollten wir unsere Lage gut finden?
„Du musst halt damit leben! Akzeptiere das halt!“
Das ist nun wirklich kein Spruch, den wir hören wollen.
Ich glaube, Akzeptanz ist einer der am häufigsten falsch verstandenen Begriffe.
Denn mit ihm ist keine Wertung verbunden.
Viele Menschen setzen mit dem Akt des Akzeptierens das Gutfinden gleich.
Aber akzeptieren ist nicht gleich gut finden.
Wenn wir eine Situation akzeptieren, sagen wir damit nur, dass wir die Realität anerkennen.
Dass wir die Gefühle, die wir gerade fühlen, nun mal fühlen, dass wir die Gedanken, die wir gerade haben, nun mal haben.
Dass wir die Angst, die wir spüren, gerade tatsächlich empfinden, unabhängig davon, ob andere sagen, dass wir doch keine Angst haben müssten.
Und das ist notwendig, denn die Realität existiert, ob wir wollen oder nicht.
Wenn wir versuchen, gegen die Realität zu kämpfen, gewinnt immer die Realität.
Deshalb ist es für eine Veränderung entscheidend, zunächst einmal den Status Quo anzuerkennen.
Defusion
Der Job unseres Verstandes ist es, ständig etwas zu analysieren und interpretieren, Schlussfolgerungen zu ziehen, Kausalzusammenhänge herzustellen. Und das ist oft nützlich.
Es ist nur so, dass wir nicht alles glauben sollten, was wir denken.
Unser Verstand denkt statistisch 50000 Gedanken am Tag.
Die meisten davon sind nicht nur dieselben, die wir gestern schon gedacht haben – Stichwort: Gewohnheit -, sondern die meisten Gedanken sind zusätzlich auch nicht wahr.
Defusion bedeutet, nicht sofort alles zu glauben, was der Verstand anbietet und sich nicht in einem Gedanken zu verhaken und sofort bestimmte Handlungen daraus abzuleiten.
Defusion lädt dazu ein, das, was wir denken, mit einem gewissen Abstand zu betrachten und den Autopiloten auszuschalten und nicht reflexartig zu reagieren.
Sie ermöglicht, genau zu prüfen, welche Schlussfolgerungen und Aktivitäten sinnvoll sind oder ob überhaupt gehandelt werden muss.
Gegenwärtigkeit
Um einen Schritt zurücktreten zu können und nachdenken zu können, müssen wir im Moment präsent sein.
Das meint Gegenwärtigkeit.
Wenn ich mit den schlimmen Ereignissen der Vergangenheit, die ich nicht ändern kann, ständig beschäftigt bin und mit meinem Schicksal hadere, bin ich nicht im gegenwärtigen Moment.
Ich bin nicht präsent.
Wenn ich mir permanent um die Zukunft Sorgen mache, mich hinein fantasiere in alles Schreckliche, was vielleicht geschehen könnte – und doch oft nicht eintritt -, kann ich nicht präsent sein im Hier und Jetzt.
Um die richtigen Entscheidungen in der Gegenwart treffen zu können, muss ich mich aber zwangsläufig mit der Gegenwart auseinandersetzen.
Und noch wichtiger:
Das Leben leben, können wir nur im Moment – im Hier und Jetzt.
Werte
An Werten richten wir unser Verhalten aus – im Idealfall.
Werte sind unser Kompass im Leben. Sie geben uns Halt und Richtung.
Wenn wir verletzt sind, ist oftmals einer unserer Werte verletzt worden.
Mit unseren Werten und den Handlungs- und Verhaltenskonsequenzen, die aus den jeweiligen Werten resultieren, werden wir uns noch genauer beschäftigen.
Commitment
Commitment heißt, dass ich mich festlege: auf Werte, nach denen ich leben und handeln möchte, auf Ziele, die ich habe.
Damit treffe ich eine Wahl.
Und eine Wahl für etwas zu treffen, bedeutet auch immer, sich gegen ganz viele andere Dinge zu entscheiden.
Wir kommen auf die Auswirkungen zurück.
Selbst als Kontext
Die meisten Menschen haben von sich ein bestimmtes Bild.
Sie sagen dann: So bin ich eben.
Damit haben sie gedanklich ein Konzept von sich bzw. ihrem Selbst entwickelt.
Sie denken darüber nach, welche Merkmale sie ausmachen und betrachten sich ständig als Produkt zu ihrer Umwelt.
Wenn wir unser Selbst jedoch als Kontext sehen, sehen wir uns als stabile Persönlichkeit, die aus sich selbst heraus agiert.
Wie wir lernen können, unser Selbst als Kontext zu sehen, werden wir in einem weiteren Teil dieser Serie zu psychischer Flexibilität erkunden.
Im nächsten Teil beschäftigen wir uns aber zunächst damit, warum wir unsere Probleme manchmal einfach nicht loslassen können, wenn sie uns erstmal am Haken haben.
Und damit, wie wir das ändern können.
Quelle: Wengenroth (2017). Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Weinheim: Beltz.
Bild: seagul/Pixaby